Brief an Thomas Mayer, Deutsche Bank Research

Sehr geehrter Herr Mayer,

Ihre heute veröffentlichte Rechnung, dass mit 200 Mrd. EUR das Griechenlandproblem sozusagen „erledigt“ wäre, kann ich nicht nachvollziehen.

Nehmen Sie bitte rein theoretisch an, dass man dem griechischen Staat ALLE sein Schulden erlassen würde. Dann würde sich der Staat 10-15 Mrd. EUR an jährlichen Zinsen sparen; wenn er noch einige Sparmaßnahmen umsetzt, dann könnte das möglicherweise zu einem ausgeglichenen Haushalt führen. Problem gelöst? Nein!

Die griechische Wirtschaft ist gewissermaßen ein Saugnapf für die Spareinlagen anderer Länder und daran wird sich kurzfristig nicht viel ändern. In den letzten 10 Jahren sind durchschnittlich 30 Mrd. EUR netto jährlich nach Griechenland geflossen, mehr als die Hälfte davon in den griechischen Bankensektor (d. h. in die griechische Wirtschaft). Der Großteil dieses Geldes landete wieder auf Bankkonten im Ausland als Zahlung für überbordende Importe. In den letzten 2-3 Jahren kam noch eine massive (und ganz legale) Kapitalflucht dazu.

Hätte die EZB in den letzten 2 Jahren nicht rund 100 Mrd. EUR an den griechischen Bankensektor überwiesen (Target-2) und hätte sie nicht zusätzlich griechischen Banken 2-stellige Milliardenbeträge an Staatsanleihen abgekauft, dann hätte es schon vor langer Zeit einen Crash gegeben. Tragisch finde ich, dass die EZB damit nicht nur Importe finanzierte, sondern auch die Rückzahlung von kurzfristigen Banklinien, die gestrichen wurden und – dies kann man nur als fahrlässig einstufen – eine Kapitalflucht von über 50 Mrd. EUR. Steuerzahlergeld wurde verwendet, damit wohlhabende Griechen ihr eigenes Geld ins Trockene bringen konnten!

Griechenland hat eine Zombie-Wirtschaft mit 80% in Dienstleistungen („man verkauft sich gegenseitig Souvlakis zu erhöhten Preisen mit Geld, das man sich im Ausland geborgt hat“). Selbst ohne Kapitalflucht und ohne Kredit-/Zinszahlungen ins Ausland, wird Griechenland auf Jahre noch mindestens 25 Mrd. EUR jährlich an zusätzlichen Spareinlagen anderer Länder benötigen. Etwas Anderes kann ich den Statistiken der Bank of Greece nicht entnehmen. Da kann der Staat sogar ein Tiple-A Rating haben, wenn die Kreditgeber früher oder später draufkommen (in den letzten 10 Jahren haben sie das offensichtlich nicht bemerkt), was mit ihrem Geld geschieht, dann werden sie es nicht mehr überweisen. Und dann kommt die Wirtschaft zum Stillstand.

Die einzige nachhaltige Lösung für Griechenland ist ein industriepolitischer Entwicklungsplan, der auf Jahre angelegt ist. Eine Umstrukturierung der Wirtschaft und der Wirtschaftskultur von A-Z wird man nicht in einem Jahr schaffen und auch nicht in 5 Jahren. Das wird schon 1-2 Jahrzehnte dauern.

17.06.2011

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