Endlich einmal ein konstruktiver Artikel! (FOCUS vom 19.09.2011)

Hohe Schulden, geringes Wirtschaftswachstum – Griechenland scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein. Doch eine Studie zeigt: Mit den richtigen Reformen gelingt dem Land ein neuer Aufschwung.
Trotz aller Bemühungen wollen sich Verbesserungen in Griechenland einfach nicht einstellen. Beim Sparen kommt das Land kaum voran und auch mit der Wirtschaft geht es weiter bergab. Auf 5,5 Prozent schätzt Finanzminister Evengalos Venizelos den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr. Es wäre das dritte Minus in Folge. Die Wirtschaft leidet unter den drastischen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen, mit denen Venizelos die Staatsfinanzen sanieren will. Sie leidet aber auch, weil das alte Wachstumsmodell nicht mehr funktioniert.
Jahrelang waren vor allem die Ausgaben des Staates und der Privatleute Treiber des Aufschwungs in Griechenland. Sie trugen zwischen 2000 und 2008 knapp 97 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei. Zum Vergleich: In Deutschland, den Benelux-Ländern, Österreich und Frankreich waren es nur 71 Prozent. In der alten EU (ohne die Neumitglieder Osteuropas) lag der Schnitt bei 79 Prozent. Der Konsumboom verdeckte für viele Jahre die Schwächen der griechischen Wirtschaft. Mit seinem Ende treten sie nun deutlich zum Vorschein: eine geringe Produktivität, eine hohe Regulierung, ein schwerfälliges Rechtssystem und eine ineffiziente Verwaltung. Durch die schlechte Arbeit der Finanzbehörden zum Beispiel entgehen dem Staat Jahr für Jahr zwischen 15 und 20 Milliarden Euro an Steuereinnahmen.
Trotz der Probleme – verloren ist Griechenland noch nicht. In einer Studie im Auftrag des griechischen Unternehmensverband SEV hat die Beratungsfirma McKinsey nach einem neuen Wachstumsmodell für Griechenland gesucht – mit Erfolg. Die Experten glauben, dass in den nächsten zehn Jahren knapp 520 000 neue Jobs möglich sind, und dass das BIP im Schnitt um drei Prozent wachsen könnte. Das wäre etwa doppelt soviel wie die meisten internationalen Organisationen wie etwa die OECD schätzen. Die 500-Seiten-Studie macht Griechenland auf der einen Seite Hoffnung. Herausgekommen ist aber auch ein Bericht über jahrelange Versäumnisse und verpasste Chancen.

Radikale Reformen sind nötig, um Griechenland dieses Wirtschaftswunder zu bescheren. So muss sich das Land für das neue Wachstumsmodell mehr öffnen. Statt sich nur aufs Inland zu konzentrieren, sollen die Unternehmen auf den Export und Kunden aus dem Ausland setzen. Produktivität muss gesteigert und das Steuersystem reformiert werden. Neben diesen allgemeinen Ratschlägen hat McKinsey fünf Schlüsselsektoren ausgemacht, auf die es vor allem ankommen wird.
   
Tourismus
Der Tourismus ist die wichtigste Branche der griechischen Wirtschaft. Sie trägt fast 15 Prozent zum BIP bei, 650 000 Menschen arbeiten hier. Ein Wachstumsmotor ist die Branche deswegen aber nicht. Der Tourismus steckt in der Krise, diagnostiziert McKinsey. Griechenland hat gegenüber Ländern wie Spanien, Italien und der Türkei den Anschluss verloren. Außerdem haben es die griechischen Urlaubsorte nicht geschafft, neue Märkte wie China oder Russland zu erschließen. Um den lahmenden Tourismus wiederzubeleben raten die McKinsey-Experten zu einer Neuausrichtung. Durch Investitionen sollen wohlhabendere Urlauber angesprochen, mit besseren Verbindungen in die USA oder die aufstrebenden Schwellenländer neue Märkte erschlossen werden. Griechenland soll außerdem in neue Häfen investieren, um das Land attraktiver für Taucher oder Kreuzfahrttouristen zu machen.
Energie
Energiesparen gehörte bisher nicht zu Griechenlands Prioritäten. Der Elektrizitätsverbrauch ist zehn bis 40 Prozent höher als in anderen südeuropäischen Ländern oder Deutschland, und der Transportsektor verbraucht fünf bis zehn Prozent mehr Sprit, heißt es in der Studie. Entsprechend groß ist das Potenzial für Einsparungen, wenn die Effizienz verbessert wird. Unter anderem schlagen die Experten vor, die Energie-Auflagen für Neubauten zu verschärfen.
Nahrungsmittelindustrie
Wie in anderen Bereichen, liegt auch in der Industrie und hier vor allem bei den Nahrungsmitteln einiges brach. Griechenland macht zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Mit einem Beispiel machen die Studienautoren die Versäumnisse deutlich: Zwar liefert Griechenland 60 Prozent seines Olivenöls nach Italien – allerdings nur in Fässern. „Italienische Firmen können das Öl abfüllen und so 50 Prozent auf den Preis schlagen“, heißt es in der Studie. Die Autoren raten Griechenland daher unter anderem, selber entsprechende Firmen aufzubauen, die Waren verpacken können, um die Extra-Profite selber einfahren zu können.
Landwirtschaft
Auch in der Landwirtschaft ist Griechenland im Wettbewerb zurückgefallen. Zwischen 2000 und 2008 verdoppelten sich die Löhne, während der Anstieg in Italien oder Frankreich bei 23 beziehungsweise 38 Prozent lag. Die Produktivität ist geringer als in vielen anderen Ländern und es fehlt eine „klare und umfassende Exportstrategie“. Trotz der vielen Versäumnisse der Vergangenen sieht McKinsey Chance, wenn die Defizite angegangenen werden. Ein Vorschlag: Mehr Land für eine Bewirtschaftung ausweisen und Produkte mit geschützter geografischer Herkunft anbieten.
Einzelhandel
Nächste Branche, dasselbe Problem: die geringe Produktivität. Zwischen 30 und 40 Prozent liegt sie im Einzelhandel unter dem Durchschnitt der alten EU, schätzen die Studienautoren. So sind die Läden zu klein und IT kommt kaum zu Einsatz. Helfen könnte zum Beispiel, wenn die Regierung Investitionen erleichtern würde. Die Ausweisung von Gewerbegebieten kann dabei eine Option sein.
Die Branchen der Zukunft
Neben den fünf großen Branchen sieht McKinsey noch einige Nischen, in denen Griechenland einen Vorteil gegenüber seinen Wettbewerbern hat. Zwar seien sie in der Größe noch relativ klein. Aber sie könnten zum neuen Aushängeschild und Zeichen des Aufbruchs werden. In fünf bis zehn Jahren könnten sie einen Beitrag zum Wachstum leisten. Die wichtigsten sind:
Generikaherstellung
Billige Nachahmer-Medikamente sind wegen des Spardrucks im Gesundheitswesen ein Wachstumsmarkt. In Griechenland ist schon eine Reihe von Firmen hier tätig. Sie setzen im vergangenen Jahr etwa 1,3 Milliarden Euro um.
Aquakulturen
Bei Fischen aus Aquakulturen hat Griechenland ebenfalls bereits eine gute Marktposition mit einem Anteil von 2,8 Prozent in Europa. Da die Kosten etwa vier bis 18 Prozent niedriger sind als bei Wettbewerbern sehen die McKinsey-Experten auch in der Branche Potenzial.
Medizin-Tourismus
Viele Doktoren und niedrige Kosten könnten Griechenland attraktiv für Patienten aus der ganzen Welt machen. Laut McKinsey kostet Augenlasern in Griechenland zehn Prozent weniger als in Großbritannien, Zahnbehandlungen sogar 20 Prozent.
Containerdrehkreuz
Die griechischen Häfen liegen an einer der weltweit wichtigsten Schifffahrtstraßen. Entsprechend groß sind die Möglichkeiten, wenn Griechenland seine Häfen ausbaut und den Handel erleichtert.

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